Margaret Mitchell hat in ihrem Leben nur ein einziges Buch geschrieben: Vom Winde verweht. Doch damit hat sie ihr Können mehr als bewiesen. Der Roman über die junge Scarlett O’Hara zu Zeiten des Sezessionskriegs und dem Wiederaufbau gilt als eines der wichtigsten Zeitzeugen, doch auch literarisch ist es ein Meisterwerk. Lass dich in dieser Rezension zum Klassiker davon überzeugen, Vom Winde verweht ebenfalls zu lesen.
Rezension zum Buch "Vom Winde verweht"
Steckbrief
Titel: Vom Winde verweht (Original: Gone With The Wind)
Autorin: Margaret Mitchell
Seiten: 864 (bei „Alma Classics Evergreens“)
Erscheinungsjahr: 1936
Tipp: Ich habe das Buch im englischen Original gelesen und kann die Ausgabe von „Alma Classics Evergreens“ empfehlen.
Der Aufbau und Handlung von "Vom Winde verweht"
1. Die Handlung – kurz und kompakt
Vom Winde verweht erzählt die Geschichte der schönen, jungen Scarlett O’Hara, die in einer wohlhabenden Familie auf einer Baumwollfarm aufgewachsen ist und die Aufmerksamkeit der Männerwelt genießt, bis sie durch den Ausbruch des Kriegs alles verliert und gezwungen ist, sich ein neues Leben aufzubauen. Es geht vordergründig um Stolz, die Suche nach Identität in einer sich wandelnden Gesellschaft, Anpassungsfähigkeit und Stärke. Eine Art Leitfrage ist: Wie weit würdest du gehen, um zu überleben?
Natürlich spielen Geld und auch Männer eine zentrale Rolle im Leben der eitlen, etwas eingebildeten Scarlett und vermutlich ist Vom Winde verweht deshalb auch als tragische Romanze bekannt. Doch wer das Buch darauf reduziert, irrt sich gewaltig, denn der Klassiker behandelt vor allem den Ablauf des Sezessionskriegs und die dramatischen Lebensumstände währenddessen – vor allem für Frauen – und den damit einhergehenden Rassismus.
Das ist dadurch nicht nur fesselnd, emotional und spannend, sondern auch sehr lehrreich.

2. Der Aufbau von "Vom Winde verweht"
Vom Winde verweht ist in XY Teile aufgeteilt, wird aber linear und chronologisch erzählt, mit wenigen Zeitsprüngen zwischendrin.
Anfangs mag das Buch etwas zäh wirken, doch rückblickend verstand es die Autorin nur geschickt, die berühmte „Ruhe vor dem Sturm“ darzustellen. Sie bietet einen ausführlichen Überblick über das privilegierte Leben der O’Haras und ihren Freunden und stellt vor allem Scarlett O’Haras Charakter in lebendigen Szenen sehr anschaulich vor. Nur durch diese detailreiche und bildlich dargestellte Einführung wird das Buch später so packend.
Je dramatischer sich die Situation für Scarlett während des Kriegs zuspitzt, desto schneller wird auch die Erzählung. Spätestens nach der Hälfte überschlagen sich die Geschehnisse und sind am Höhepunkt kaum an Dramatik und Emotionalität zu überbieten.
Was das Buch ausmacht, ist seine Protagonistin und ihre besondere Beziehung zum Leser. Scarlett O’Hara ist nicht wirklich sympathisch, deshalb verfolgt man ihre Geschichte eher mit Abstand. Ihre manchmal fraglichen Entscheidungen stehen jedoch immer vor dem Hintergrund des grausamen Kriegs – so fragt man sich als Leser unterbewusst immer: War es nun unmoralisch oder aber überlebenswichtig? Und so fesselt das Buch bis zur letzten der über 800 Seiten!
Interessante Fakten zum Buch
- Vom Winde verweht blieb Margaret Mitchells einziges Buch
- Das Buch wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet
- Das Buch wurde nach seinem Erscheinen 1936 verboten, weil es „vulgär“ geschrieben sei und sich (zu) kontrovers der Rassenfrage widme
- Das Buch wurde 1939 verfilmt
- Der Film gewann einen Oscar
- Das Zitat „Frankly, my dear, I don’t give a damn!“ wurde als bestes Filmzitat ausgezeichnet
Der Schreibstil von Margaret Mitchell
Margeret Mitchell erzählt sehr dicht, detailliert und mit teilweise langen Dialogen. Allerdings ist ihr Schreibstil ein Genuss, sodass trotzdem keine Längen entstehen. Beschreibungen sind von ihrer bildhaften Sprache geprägt, es lassen sich viele Metaphern zur amerikanischen Geschichte finden. Die Dialoge leben hingegen von Scarlett O’Haras klugem Verstand und/oder der damit erfolgten Charakterisierung aller Figuren.
Durch ihre geschickte Wortwahl lässt Mitchell eine einmalige Art der Emotionalität aufkommen – man beobachtet zwar von außen, lässt es nicht zu nahe an sich heran und möchte doch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Mitchell gelingt außerdem die hohe Kunst der Charakterisierung durch Worte: Jede Figur hat ihre eigene Art zu sprechen. Die mündliche Rede der Sklaven ist außerdem durch eine Wiedergabe des gebrochenen, fehlerbehafteten Englischs geprägt.
Jeder Satz ist durchdacht, wohlgeformt und prägnant – eine Meisterleistung auf so vielen Seiten!
Tipp: Mitchell ist eine Wortkünstlerin. Ich würde deshalb empfehlen, den Roman im englischen Original zu lesen. Allerdings solltest du über fortgeschrittene Englischkenntnisse verfügen, denn entsprechend seiner Entstehungszeit ist die Sprache in Vom Winde verweht etwas veraltet und verschachtelt. Auch die Wiedergabe der „Sklavensprache“ ist nicht leicht zu verstehen.
Die Charaktere in "Vom Winde verweht"
Die Hauptfigur, Scarlett O’Hara, ist eine literarische Persönlichkeit, die nicht umsonst so viele Jahre später noch berühmt ist. Margaret Mitchell ist hier eine Protagonistin gelungen, die unglaublich komplex, wenig sympathisch und trotzdem einnehmend ist. Scarlett ist eitel, etwas eingebildet, selbstsüchtig, hinterlistig und stur. Sie trifft viele unmoralische Entscheidungen, die den Leser eine vorsichtige Distanz halten lassen, beweist mit ihrem Motto „Morgen ist ein neuer Tag“ aber auch eine Stärke und Anpassungsfähigkeit, die man ihr nach der Einleitung nicht zugetraut hätte. Die harten Umstände erfordern, dass Scarlett sich weiterentwickelt, über sich hinauswächst – und doch bleibt sie im Kern dieselbe. Ein Fakt, der für ständige (oft auch negative) Wendungen sorgt. Und obwohl sie nicht sonderlich nahbar ist, ist man als Leser unweigerlich fasziniert von ihr.
Tipp: Zur Schauspielerin, die Scarlett in der Verfilmung verkörpert hat, und deren Zeit am jeweiligen Filmset gibt es einem biografischen Roman von Charlotte Leonard.
Als Scarletts Gegenstück fungiert die zarte Melanie Wilkes. Sie ist die gute Seele und eine unersetzbare Stütze für Scarlett – obwohl diese sie bis zum Schluss nicht leiden kann. Sie hält der Protagonistin einen Spiegel vor, indem sie das weibliche Ideal von Anstand darstellt.
Ashley Wilkes und Rhett Butler sind die beiden wichtigsten Männer, um die es in Vom Winde verweht geht. Sie kommen Scarlett am nächsten – könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Ihre jeweilige Wirkung auf die Protagonistin ist von außen spannend zu beobachten, während Scarlett selbst ihren Traumvorstellungen und ihrer Sturheit erliegt. Während Ashley unter den Umständen leidet und sich nach dem alten Leben der Oberschicht sehnt, ist Rhett ein abgehärteter Schurke, die sich durchzuschlagen weiß und den eine Hassliebe zu Scarlett verbindet.

Fazit der Rezension zum Buch
Vom Winde verweht ist ein Roman, der kein Blatt vor den Mund nimmt und die ungeschönte Realität des Krieges und des Wiederaufbaus zeigt. Verstärkt wird die dramatische Geschichte durch eine eigenwillige Hauptfigur, die beeindruckt, aber auch zahlreiche Fragen zum Thema Moral, Identität und Kampfeslust aufwirft. Der Klassiker überzeugt mit seiner bildlichen, wohldurchdachten Sprache, die dafür sorgt, dass Scarletts Geschichte lange im Gedächtnis bleibt. Vom Schreibstil, der Charakterisierung und dem Handlungsaufbau her ist Vom Winde verweht ein echtes Meisterwerk, das auf allen 864 Seiten seine Stellung als Klassiker rechtfertigt.
Ich hoffe, ich konnte dich mit meiner Rezension zum Buch überzeugen. Wenn du Vom Winde verweht liest, schreib mir unbedingt über meinen Buchblog @eulenmaerchen!
Viel Spaß beim Lesen!
